Oberneuland von 1181 bis heute

Oberneuland verdankt seine Entstehung Umständen, die auch heute noch geeignet wären, Entwicklungen in Gang zu setzen: Chronische Geldverlegenheit der Regierung, Übervölkerung und Naturkatastrophen.

Siegfried „von Gottes Gnaden Erzbischof der Heiligen Kirche von Bremen“(1180 -1184), geistlicher und zugleich weltlicher Herr, hatte sich infolge der bis in den Norden des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ spürbaren Machtkämpfe zwischen weltlicher und geistlicher Macht einem stetigen Machtverfall und damit verbundenen rückläufigen Einnahmen entgegenzustemmen.

Er war gezwungen, neue Einnahmequellen zu erschließen. Etwa zur gleichen Zeit mussten Bewohner der Küstenregion des heutigen Holland, erfahrene Wasser- und Deichbauer, wegen Überbevölkerung und Naturkatastrophen ihre Heimat verlassen und waren auf der Suche nach neuen Siedlungsgebieten.

In der so genannten „Ansiedlungsurkunde“ vom 18. Januar 1181 dokumentiert Erzbischof Siegfried den Verkauf von Ödland im östlichen Teil des Hollerlandes, „Overnigelant, Rockwinkil, Osterholt und Vurholt (Vahr-Holter-Feld)“ genannt, an nicht näher bezeichnete Holländer. Die Käufer waren wahrscheinlich die Nachkommen der aus Holland stammenden Unternehmerfamilien, die bereits im Jahr 1106 mit Erzbischof Friedrich (1104-1123) erfolgreich Verhandlungen über den Ankauf des westlichen Teils des Hollerlandes geführt hatten. Diese „Holländer“ verfügten über die notwendigen Erfahrungen, das Ödland urbar zu machen, das sich an das schon kultivierte Gebiet -um Horn- anschloss.

Die Kolonisten erwarben das Gebiet zu freiem Eigentum. Sie konnten das an sie verkaufte Land -ursprünglich wurden 15 so genannte Holländerhufen, 720 Königsruten (3384 m) lang und 30 Königsruten (141 m) breit, vergeben- frei veräußern und frei vererben. Sie hatten an den Erzbischof einen Anerkenntniszins zu zahlen und eine Zehntabgabe zu leisten, aus eigenen Mitteln die Kultivierung des Landes zu betreiben und in eigener Regie und aus eigenen Mitteln die Erhaltung der Deiche zu gewährleisten. Von sonstigen Dienstleistungen waren sie befreit.

Das Hollerrecht wurde schon im 13. Jahrhundert durch die sog. „Zeitleihe“ abgelöst, die sich später zu einem erblichen Besitzrecht wandelte, das man als Meierrecht bezeichnet. Die Nachfahren der Kolonisten wurden allmählich zu grundherrlich abhängigen Bauern. Sie waren nicht mehr Eigentümer des von ihnen bewirtschafteten Grund und Bodens, sondern nur Eigentümer des Hofgebäudes, des lebenden und toten Inventars. Dem Grundherrn gegenüber waren sie zu bestimmten Leistungen - auch Dienstleistungen- verpflichtet. Das ihnen gewährte „dingliche Recht auf Nutzung eines fremden Gutes mit der Verbindlichkeit, das Gut dem Grundsatz bäuerlicher Wirtschaftsführung gemäß zu bewirtschaften“, war vererblich, konnte jedoch in besonderen Fällen entzogen werden (Abmeierung). In der Regel durfte ein Meier ohne Erlaubnis seines Grundherrn die äußere Beschaffenheit -auch die Nutzung- des Grund und Bodens nicht verändern. Es war ihm untersagt, eigenmächtig Bäume zu fällen. Das Meierrecht galt, wenn zwischenzeitlich auch mehrfach modifiziert und während der Franzosenzeit vorübergehend ganz außer Kraft gesetzt, bis etwa zum Ende des 19. Jahrhunderts. Ab 1826 wurde die „Ablösung“ des Meiers vom Grundherrn -Ankauf des Grund und Bodens gegen Zahlung eines auszuhandelnden Entgeltes- möglich. Die Ablösungsverordnung von 1850 gab dem Meier das Recht, die Ablösung zu verlangen.

In dem in der „Ansiedlungsurkunde“ von 1181 genannten Gebiet entwickelten sich mehrere eigenständige Dörfer. Rockwinkel, heute zu Oberneuland gehörend, war bis zum Jahre 1888 selbständig. Im Dorf Oberneuland lagen die Hofstellen am Holler- oder Oberneulander Fleet entlang aufgereiht (Reihendorf). Das zugehörige Land erstreckte sich bis zur Wümme. Wir verdanken es wohl dem besonderen Zuschnitt der „Holländerhufen“ während der Kolonisation und später dem Institut des Meierrechts, das einer Aufteilung von Grundstücken entgegenwirkte, dass noch heute die alte Form der „Streifensiedlung“, ein streng geometrisches Flurbild, vielerorts in Oberneuland zu erkennen ist. Die verstärkte Aufteilung von Grundstücken erfolgte erst im 20. Jahrhundert, insbesondere in den letzten 40 Jahren.

Schon zu Beginn der Kolonisation muss der Bau einer Kirche in Oberneuland vorgesehen gewesen sein. Der Kirche wurde eine Marschhufe Landes zugewiesen. Urkundlich erwähnt wird eine Kirche in Oberneuland jedoch erst im Jahre 1270. Es wird allerdings angenommen, dass die erste Kirche in Oberneuland bereits um 1200 errichtet worden ist. Die Kirche in Oberneuland war dem Heiligen Johannes gewidmet. Sie trägt noch heute den Namen „St.Johannes Kirche“.

Zum Kirchspiel Oberneuland gehörten außer dem in der „Ansiedlungsurkunde“ von 1181 genannten Gebiet - Overnigelant, Rockwinkil, Osterholz und Vurholt - Katrepel und Sebaldsbrück. Weiter von der Kirche entfernte Ansiedlungen waren durch Kirchenwege mit der Kirche verbunden. Noch heute gibt es in Oberneuland Wegstrecken, die als Teil früherer Kirchenwege bekannt sind. Weil „bei der seit einer Reihe von Jahren stattgefundenen außerordentlichen Zunahme der Bevölkerung Oberneulands die Seelsorge der Gemeindemitglieder, die Aufsicht auf die mit dieser Gemeinde verbundenen Schulanstalten und die Führung der Zivilstandsregister, Zeit und Kräfte des für diese Gemeinde bestellten Predigers so sehr in Anspruch nehmen“, wurden die Bewohner der Dorfschaften Katrepel und Sebaldsbrück und Bewohner einiger anderer kleinerer Gebiete im Jahre 1835 von der Pfarrgemeinde Oberneuland getrennt und den Pfarrgemeinden Borgfeld bzw. Horn zugeteilt. Wann in Oberneuland die erste Schule errichtet wurde, ist nicht feststellbar. Man kann vermuten, dass sich die Kirche frühzeitig des Schulwesens angenommen hat. Belege dafür gibt es nicht, aber 1861 entstanden auf Betreiben von Pastor Achelis die beiden Schulen für die Kleinsten, nämlich die „Heidschule“ an der Rockwinkeler Landstraße und die „Rütenschule“ (heute SASU) an der Oberneulander Landstraße.

Besonderer Beliebtheit hat sich die Schule in Oberneuland in den vergangenen Jahrhunderten zunächst offenbar nicht erfreut. Verschiedentlich wird bittere Klage über die Teilnahmslosigkeit der Elternschaft geführt, gegen die die Schule immer wieder, aber erfolglos ankämpfen muss. Die Chronisten stellen dazu allerdings fest, dass die Teilnahmslosigkeit der Eltern durch das Verhalten der Behörde hervorgerufen und gestützt wurde. Den Eltern war es nämlich anfänglich freigestellt, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Hauptsache blieb, dass für die im Schulalter befindlichen Kinder - 8 bis 12 Jahre- die Gebühren entrichtet wurden.

Bis in das 17. Jahrhundert hinein diente ein Anbau an der Kirche als Schule. Im Jahr 1616 musste er wegen Baufälligkeit abgerissen werden. Die Schule wurde in das Pastorenwitwenhaus verlegt, es stand dort, wo heute das Fahrradhaus Bartels ist. Sie nahm darin zunächst nur einen Raum, später das ganze Haus in Anspruch. Im Rahmen der Neugestaltung des bremischen Landschulwesens in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das noch heute vorhandene Schulgebäude in Oberneuland errichtet. Den Reformbestrebungen unserer Zeit blieb es vorbehalten, die Schule in Oberneuland von einer Vollschule zur Grundschule (1. bis 4. Schuljahr) zu machen.

Schon früh entdeckten die Bremer die landschaftlichen Schönheiten Oberneulands. Ein Chronist des 19. Jahrhunderts, der „die freie Hansestadt Bremen und ihr Gebiet“ beschreibt, bezeichnet die östliche Hälfte des (Holler-)Landes, namentlich die Feldmarken Rockwinkel und Oberneuland als einen natürlichen Park, den Boden, obwohl mager und sandig, dem Eichenwuchs und dem Gedeihen der so genannten Moorbeetsbepflanzung (Rhododendron und Azaleen) sehr günstig, den Landstrich als seit langer Zeit beliebten Sommeraufenthalt für Bremer Familien. Die Bremer schufen sich in Oberneuland Sommersitze, teilweise mit allem zur damaligen Zeit bekannten Komfort ausgestattet. Es entstanden riesige Park- und Gartenanlagen.

Oberneuland, seit dem Jahre 1874 auch mit der Eisenbahn erreichbar, wurde überdies zu einem beliebten Ausflugsziel. Eine Reihe von Gastwirtschaften wetteiferten um die Gunst der Ausflügler. Auf den Fleeten wurden Wasserpartien mit Torfkähnen angeboten. Noch heute bietet sich Oberneuland dem stadtmüden Bremer als Ausgangspunkt für ausgedehnte Radwanderungen in die Wümmeniederung. Die „Königliche Eiche“ prägte und prägt heute noch den Charakter des Dorfes Oberneuland und seiner Umgebung. Der Anpflanzung und Erhaltung von Bäumen, insbesondere Eichen, galt schon vor Jahrhunderten die Sorge der Obrigkeit. Der „wohl-edle hochweise Rath“ der Freien Hansestadt Bremen erließ die Vorschrift, dass „ein jedweder Bauersmann, bevor er sich zu verehelichen die Freyheit hat, eine namhafte Anzahl Eichenbäume, welche dann der Herr Gohgrääfe zu determinieren zu setzen verpflichtet“ sein sollte (Brauteiche) und schritt gegen das eigenmächtige Abhauen der Bäume ein. Konnte ein Meier die Anpflanzung der gehörigen Zahl von Brauteichen nicht nachweisen, hatte er für jeden nicht gepflanzten Baum eine Strafe zu erlegen und die Anpflanzung nachzuholen, verstieß er gegen das Verbot der Abholzung, hatte er eine gehörige Strafe zu erwarten, unter Umständen die „Abmeierung“.

War die Anpflanzung von Brauteichen zunächst Pflicht, wurde sie später gern geübter Brauch. Es ist durchaus einer Überlegung wert, ob ein derartiger Brauch nicht wieder aufleben sollte.

Das Ortsbild Oberneulands hat sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg nachhaltig durch eine verstärkte Aufteilung von Grundstücken in Baugrundstücke und deren Bebauung verändert. In gleicher Weise haben sich die Einwohnerzahlen zunächst mehr oder weniger konstant gehalten und sind erst nach dem Zweiten Weltkrieg erheblich angestiegen. In Oberneuland zählte man 1812 509 Einwohner, in Rockwinkel im gleichen Jahr 495 Einwohner. Bis zum Jahre 1885 stieg die Einwohnerzahl für Oberneuland auf 788 und für Rockwinkel auf 1.342. Im Jahre 1905 wurden in Oberneuland und Rockwinkel einschließlich des Bereichs Blockdiek, der ab 1.2.1968 dem Ortsteil Osterholz zugeschlagen wurde, 2.393 Einwohner gezählt, 1939 waren es 3.950, 1955 waren es 6.056, 1963 6.103 und 1968, trotz erfolgter Abtrennung des Bereichs Blockdiek, 6.150 Einwohner. Im Jahre 1978 wurden dann 9.112 Einwohner gezählt. Die Grenze von 10.000 Einwohnern ist in den Jahren danach bereits überschritten worden. Im Jahre 2002 beträgt die Zahl der Einwohner ca. 15.000. Oberneuland hat trotz dieser gravierenden Veränderungen bisher von seinem Dorfcharakter noch einiges bewahren können. Die Landwirtschaft ist nach wie vor ein wichtiger Faktor in Oberneuland. Mag uns unser Oberneuland noch lange so erhalten bleiben.